
Innehalten. Weiterspinnen.
Kurze Texte, Zitate und Reflexionen – zum Wirkenlassen und Weiterdenken. Ein wachsendes Mosaik, das fortlaufend ergänzt wird.
Wenn wir uns selbst lieben
Jemand der sich selbst liebt, bleibt gerne bei sich.
Er flüchtet nicht vor sich und gerade das befähigt ihn, auch beim Du zu verweilen.
Wer nicht bei sich zuhause ist, kann auch beim anderen keine Heimat finden.
— Aristoteles (zugeschrieben)
Wenn wir uns selbst lieben, leben wir nicht auf Kosten anderer. Wir brauchen andere nicht, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen - wir nähren sie selbst. Wir befreien dadurch nicht nur uns selbst, sondern auch das Gegenüber. Abhängigkeiten lösen sich, ohne dass andere überflüssig werden. Auf dieser Grundlage kann wahrhaftige Begegnung entstehen.
Sinn und Sinne
Es sind unsere Sinnesorgane, die dem Bewusstsein vermitteln, was wirklich ist – nicht unsere Denkgebäude. Je mehr wir unserer sinnlichen Wahrnehmung vertrauen und aus ihr stimmige Schlüsse ziehen, desto größer ist der Gewinn: Orientierung, Sicherheit, Selbstvertrauen, Klarheit.
Ohne die Anbindung an unsere Sinne laufen wir Gefahr, uns zu verlieren - in Erwartungen, die andere an uns herantragen; in Zeitdruck, den wir uns fraglos überstülpen lassen; in Verpflichtungen, die uns auszehren. Im Hamsterrad bloßen Funktionierens kann der Sinn des eigenen Lebens abhandenkommen.
Nutzen wir hingegen unsere Sinne, um Günstiges von Ungünstigem zu unterscheiden und entsprechend zu handeln, entsteht Sinn – und mit ihm ein Gefühl von Stimmigkeit und innerer Ausrichtung.
Sinn (emp-)finden
Je zutreffender man seine eigene Tiefe zu deuten vermag, desto transparenter wird das eigene Leben
für einen selbst.
— Ken Wilber
Der Mensch braucht das Gefühl, in einen sinnvollen Zusammenhang eingebettet zu sein. So kann er Geborgenheit empfinden. Geborgenheit im Sinne eines wertvollen Daseins und im Zusammensein mit anderen. Geht dieses Gefühl verloren, entsteht eine existenzielle Leere, die an Seele und Körper zehrt. Sinn entsteht dort, wo wir wertschätzende Beziehungen pflegen: zu uns selbst, zu anderen Menschen und zur Welt.
Gedanke zur Paarbeziehung
Wahrscheinlich darf man ganz allgemein sagen, dass sich in der Geschichte des menschlichen Denkens oft die fruchtbarsten Entwicklungen dort ergaben, wo zwei verschiedene Arten des Denkens sich getroffen haben – Wenn sie sich nur wirklich treffen ...
— Werner Heisenberg
Heisenbergs Beobachtung beschreibt ein universelles Prinzip – das in Paarbeziehungen besondere Tiefe gewinnt: Wir denken nicht nur anders als unser Partner, wir fühlen, empfinden und nehmen die Welt auf je eigene Weise wahr.
Der „Bogenstrich, der wie aus zwei Saiten eine Stimme zieht“ (Rilke) versinnbildlicht jene Momente großer Harmonie. Doch wie sich in uns selbst harmonische und disharmonische Stimmungen abwechseln, ist auch der Gleichklang zweier Menschen immer von vorübergehender Dauer. Wie gut. Erst durch die Reibung des Dissonanten lässt sich das Schmelzende des Konsonanten wirklich erleben.
Sich für die Verschiedenheit zu öffnen, den anderen in seiner subjektiven Wahrheit zu sehen, zu hören und anzunehmen – das gehört zu den Grundpfeilern einer tragfähigen Partnerschaft. Es ist nicht leicht. Subtil versucht mal der eine, mal der andere, dies und das ein wenig zu beeinflussen – und das Feilschen beginnt.
Sind die Unterschiede zu groß, wird fruchtbare Wechselwirkung schwierig; ist man sich allzu ähnlich, bleibt das Miteinander flach. Erstirbt das offene, ehrliche Zwiegespräch, bekommen die Äste dieser Beziehung nicht mehr den nötigen Saft für neue Triebe.
Wie alles, was man erhalten möchte, erfordert auch eine Paarbeziehung kontinuierliche Pflege. Einander immer wieder offen, aufrichtig und mit echtem Interesse zu begegnen – das ist eine Herausforderung. Und zugleich die Einladung zu einem tiefen, erfüllenden Miteinander.
Wachsende Achtsamkeit – ein Weg
Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig …
— Portia Nelson
Der folgende Text beschreibt poetisch, wie tief verwurzelte Muster uns prägen – und wie Achtsamkeit Schritt für Schritt neue Wege eröffnet. Veränderung beginnt nicht im Perfekt-sein, sondern im bewussten Wiedererkennen alter Gewohnheiten und der Bereitschaft, einen anderen Weg zu wählen.
1
Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren … Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.
2
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange herauszukommen.
3
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein - aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Ich habe es selbst zu verantworten.
Ich komme sofort heraus.
4
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe drum herum.
5
Ich gehe eine andere Straße.
Autobiography in Five Short Chapters, aus: There‘s a Hole in My Sidewalk, Portia Nelson
Diese Sammlung wächst weiter. Vielleicht trägt der eine oder andere Gedanke Sie ein Stück.