Claudia Hotzy
KÖRPERPSYCHOTHERAPEUTIN

Innehalten. Weiterspinnen.
Gedankenimpulse aus der Körperpsychotherapie
Kurze Texte und Reflexionen zu Achtsamkeit und innerer Entwicklung – zum Innehalten, Wirkenlassen und Weiterspinnen. Ein wachsendes Mosaik aus der körperpsychotherapeutischen Praxis.
Dem Grübeln einen Termin geben
Was-wäre-wenn-Gedanken erzeugen Ohnmacht. Sie kreisen – eine Endlosschleife ohne Ausgang.
Die Sorge vertagen wäre eine einfache Gegenbewegung. Damit meine ich nicht unterdrücken - das verstärkt sie nur. Sondern bemerken, dass die Gedanken kreisen. Innerlich Abstand nehmen und sie wie Wolken vorbeiziehen lassen, ohne ihnen zu folgen.
Das gelingt leichter, wenn man einen festen Termin vereinbart – mit sich selbst. Zum Beispiel: heute Abend, zwanzig Minuten, nur für diese Gedanken. Dann dürfen sie alle kommen.
Aufschreiben, was beunruhigt. Fragen stellen, abwägen, weiterdenken. Aber eben dann – nicht jetzt, mitten am Tag.
Dabei hilft Selbstbeobachtung: Stirnrunzeln, Stimmungstief, Verspannungen - das sind Signale dafür, dass Befürchtungen aufsteigen. In diesem Moment ist es wichtig, eine bewusste Entscheidung zu treffen und sich zu erinnern: Ich kehre ins Hier und Jetzt zurück.
Meine Bewertung lässt Dinge bedrohlich erscheinen - nicht die Dinge selbst.
Der Termin gibt den Gedanken einen Ort. Und dem Tag seine Ruhe zurück.
Du kannst aufhören zu sprechen, aber dein Körper spricht weiter.
– Samy Molcho
Der Körper als Zeuge
Nur der Kontext, in dem sich ein Symptom entwickelt hat, kann seine Ursache sichtbar machen. Dem Verstand allein bleiben der Facettenreichtum und die Tiefe des Menschen unbegreiflich.
Körperliche Symptome gelten gemeinhin als Problem des Körpers. Weil er nicht mehr richtig funktioniert, geht man zum Arzt. Gibt es keinen organischen Befund, bleibt die Frage offen. Was dann?
Vielleicht versucht man, das Symptom zu ignorieren. Oder man probiert es mit Massagen, Homöopathie, Osteopathie, Physiotherapie. Mit Heilern, Astrologie, Coaching. Irgendwann wird man des Suchens müde - eine Besserung hält selten an. Das Symptom gleitet in die Gewöhnung.
Die Gewöhnung ist das eigentliche Exil.
Der Verstand stößt hier an Grenzen - nicht wegen mangelnder Intelligenz, sondern wegen mangelnder Offenheit. Gegenüber der Vielschichtigkeit einer Persönlichkeit. Gegenüber dem, was lange nicht ernstgenommen wurde.
Ein psychosomatisches Symptom löst sich nicht durch Linderung auf. Es steht für ein Geflecht aus Erfahrungen, Gefühlen und Gedanken - auf mehreren Ebenen gleichzeitig.
Darin liegt eine stille Genialität der menschlichen Natur: Erst wenn dieses Geflecht beleuchtet wird, verändert sich auch das Symptom.
Sinn. Sinne. Sinnlichkeit.
Wir wurden angewiesen, unseren Leib zu meistern – nicht ihn zu morden.
– Die Wüstenväter
Dein Körper spricht ständig mit dir. Seine Sprache ist leise, aber klar.
Der Benediktinermönch David Steindl-Rast bringt es auf den Punkt: "Wer Sinn finden will, muss mit den Sinnen beginnen." Sinnlichkeit und Sinn bedingen einander.
Und wie sinnlos das Leben erscheinen kann, wenn Krankheit oder Schmerzen den Alltag bestimmen. Doch einer rein oberflächlichen Sinnlichkeit das Wort zu reden, wäre ein Irrtum. Sie endet in derselben Sackgasse wie ihr Gegenteil: völliges Abstumpfen.
Der Weg liegt dazwischen:
Sich den eigenen Sinnen zuwenden. Körper und Gefühle achtsam wahrnehmen. Von Zeit zu Zeit bewusst den Strom der Gedanken betrachten – und in die Stille horchen, was wirklich gebraucht wird.
Wissen und Liebe haben dieselbe Wurzel. Um etwas zu kennen, müssen wir es lieben – um es lieben zu können, müssen wir es kennen.
– Kitarō Nishida
Achtsamkeit – das innere Stativ
Bilder wackeln ohne Stativ.
Unser Geist funktioniert ähnlich: Ohne stabile Selbstbeobachtung sehen wir uns selbst nur verschwommen – aufblitzende Gedanken, flüchtige Gefühle, nichts greifbar. Stabilisieren wir die Wahrnehmung, schärfen sich die Sinne, und Einsicht entsteht.
Drei Beine tragen das Stativ:
Offenheit – ohne Erwartung. Die Dinge sehen, wie sie sind.
Selbstwahrnehmung – wahrnehmen, was auftaucht. Mit der Zeit zeigen sich immer wieder dieselben Muster. Das zu erkennen, ist verändernd.
Objektivität – Gedanken, Gefühle, Impulse beobachten, ohne darin zu versinken. Sie gehen vorüber. Nichts davon bleibt.
Die Tür zum Herzen
Leiden ist Teil des Lebens. Freude – sein natürlicher Zustand.
Es gibt Menschen, die sagen: „Eigentlich ist alles in Ordnung." Die Kinder wohlgeraten, das Einkommen gesichert - und trotzdem ist da diese innere Leere. Dieses dumpfe Gefühl, dass etwas fehlt, ohne benennen zu können, was.
Freude ist keine Frage der äußeren Umstände. Sie kommt von innen – und manchmal ist die Tür dorthin zugefallen. Nicht aus Schwäche, sondern aus Schutz. Irgendwann war es zu viel. Das Herz hat sich verschlossen, um sich nicht weiter verletzen zu lassen.
Das ist weise. Doch Zeiten ändern sich.
Eine verschlossene Tür schützt nicht nur vor weiterem Schmerz – sie hält auch die Lebendigkeit draußen. Kleine Dinge, die berühren können: das Licht am Morgen, das Lachen eines geliebten Menschen, ein Moment der Stille.
Freude lässt sich nicht erzwingen. Aber sie lässt sich einladen – durch Aufmerksamkeit für das, was gut ist. Nicht als Ablenkung vom Schweren, sondern als bewusste Hinwendung zum Lebendigen und Guten.
Die Tür geht nicht auf einmal auf. Manchmal beginnt es mit einem Spalt.
Wie aber sollen wir ohne Wagnis verwandelt werden? Und auf Verwandlung läuft alles hinaus.
– David Steindl-Rast
Den Kampf aufgeben - und gewinnen
Dem, was uns widerstrebt, so viel Raum geben, dass es sich vollständig ausbreiten kann.
Nicht wegschauen, nicht dagegen ankämpfen.
Hinsehen. Einatmen, was bedrohlich erscheint. Fühlen, was daran so unannehmbar ist.
Lauschen, was es eigentlich will.
Lösungen lassen sich nicht erzwingen. Sie tauchen auf, wenn wir aufhören zu kämpfen – und loslassen.
Es gibt immer eine Wahl: dieselbe Erfahrung, wieder und wieder – oder etwas Neues riskieren.
Wandlungsprozesse
Das Leben verändert sich ständig – ob wir es bemerken oder nicht.
Verbinden und Lösen, Werden und Vergehen. Das ist kein Ausnahmezustand. Es ist ein Grundrhythmus im Leben.
Was uns dabei oft entgeht: Auch in unserem Inneren findet dieser Prozess statt. Manchmal still und beharrlich – manchmal laut: ein Symptom hier, eine Krise da, Gefühle, die nicht loslassen, ein Gedankenkarussell.
Das Leben ist sehr kreativ, wenn es darum geht, unser Bewusstsein zu erreichen.
Den Telefonanruf annehmen, wirklich zuhören, was das Leben zu sagen hat – das ist ein guter Anfang.
Und falls sich das Gefühl aufdrängt, mit leeren Händen dazustehen – obwohl doch eigentlich alles in Ordnung ist: Das ist keine Niederlage. Es ist eine Einladung.
Die Gelegenheiten, sich zu wandeln, enden nicht, solange wir leben. Wir haben eine Wahl – auch im Alter.
Ein Unterschied
Probleme sind nicht einfach da. Wir erschaffen sie – in unserem Denken, durch unsere Bewertung. Verändert sich die Bewertung, ändert sich unser Spielraum. Gelingt uns das, fühlt sich das Leben weniger als ein Kampf an.
Hingabe bedeutet nicht, sich aufzugeben. Hingabe bedeutet, die momentane Realität anzunehmen. Wirklichkeit ist wie sie ist – sie meint es nicht persönlich.
Wut, Enttäuschung, Empörung – das sind keine Hindernisse. Sie zeigen uns, wo es innerlich hakt. Lassen wir diese Gefühle zu, bleibt etwas in uns beweglich und wir finden zurück ins Gleichgewicht. Danach können wir eine schwierige Situation neu beleuchten.
Der Unterschied zeigt sich innerlich: im Aufgeben steckt Resignation. In Hingabe ist Annahme. Wir können durchaus handeln. Aber wie wir denken und handeln, darf sich wandeln.
Gelingt es uns, eine Situation ohne Urteil zu betrachten, öffnet sich etwas. Und plötzlich sehen wir neue Möglichkeiten.
Mein Gegenüber wirklich erreichen
Was uns trennt, ist selten das Thema. Meistens ist es das Gefühl, nicht gehört zu werden.
In Beziehungen stoßen wir immer wieder an Grenzen – auch wenn Liebe, Freundschaft oder Verbundenheit vorhanden sind. Unausgesprochene Erwartungen, alte Verletzungen, Missverständnisse. Was als kleines Versehen beginnt, kann sich über die Zeit zu einem schmerzhaften Abstand verdichten.
Oft geht es dabei nicht um „das eine Thema". Sondern um das Gefühl: Ich werde nicht wirklich gehört.
Empathisch kommunizieren bedeutet nicht, immer nett zu sein. Es bedeutet, sich selbst ernst zu nehmen – und unserem Gegenüber mit offenem Herzen zu begegnen. Bedürfnisse und Grenzen klar ausdrücken, ohne Vorwurf, ohne Rückzug.
Das ist erlernbar. Auch nach Jahren eingespielter Muster.
In Partnerschaft, Familien oder Beruf: Die Dynamiken sind unterschiedlich, die Grundfrage dieselbe – wie komme ich wieder in echten Kontakt? Mit anderen. Und mit mir selbst.
Alte Muster lassen sich verstehen. Neue Gesprächsbahnen lassen sich finden. Verbindung ist möglich – auch dort, wo lange Sprachlosigkeit herrschte.
Was wir an uns heranlassen
Nicht alles, was anklopft, muss hereingebeten werden.
Gefühle sind ansteckend – das ist keine Metapher, sondern Neurobiologie. Wir schwingen mit dem mit, was unser Gegenüber fühlt. Die gute Laune eines Kindes hebt die Stimmung. Die Sorgen eines Menschen, dem wir nahestehen, ziehen uns mit runter.
Als frischgebackene Psychotherapeutin musste ich zunächst lernen, mein inneres Gleichgewicht zu bewahren – mich einzufühlen, ohne mich zu verlieren. Mit der Zeit wurde mir ein entscheidender Unterschied klar: Empathie bedeutet, die innere Welt eines anderen Menschen zu berühren, ohne darin zu versinken. Mitleiden belastet beide - und hilft niemandem.
Was für Menschen gilt, gilt auch für Medien. Nachrichten, Social Media, Push-Benachrichtigungen – sie alle klopfen an. Und oft gewähren wir ihnen ungefiltert Einlass.
Dabei sind wir selbst die Türsteher.
Nicht Dauerberieselung, sondern bewusste Wahl. Nicht permanente Erreichbarkeit, sondern echte Ruhezonen. Das Schlafzimmer als stille Insel. Phasen des Nichtstuns – eine Notwendigkeit, kein Luxus.
Unsere Psyche reagiert sensibel auf negative Eindrücke – besonders auf emotionale Bilder. Wir können nicht verhindern, dass es all das gibt. Aber wir können entscheiden, wie viel davon wir an uns heranlassen.
So wie wir uns vor einer Infektion schützen, ohne den Kranken abzulehnen, dürfen wir auch lernen, uns emotional nicht anstecken zu lassen.
Es ist unmöglich, zu wahrer Individualität zu gelangen, ohne im Ganzen verwurzelt zu sein.
– David Bohm
Ganzheit
Wir nehmen uns selbst – und andere – nie wirklich als Ganzes wahr. Wir denken in Teilen, fühlen in Ausschnitten. Mal stark, mal schwach. Mal klar, mal verloren. Was wir dabei übersehen: Die anderen Teile existieren weiter, sie warten nur im Hintergrund.
Was wir nicht wahrhaben wollen, schicken wir ins Exil. Doch was verdrängt wird, verschwindet nicht. Es wirkt – still, hartnäckig, und meistens genau dann, wenn wir es am wenigsten gebrauchen können.
Individuum: das Unteilbare. Der Mensch ist als Ganzheit angelegt. Erst wenn wir alle Anteile zulassen – auch die dunklen, beschämenden, furchteinflößenden –, können wir in Einklang mit uns selbst kommen.
Ganzheit ist kein Ziel. Sie ist eine Haltung und sie macht eine Entscheidung notwendig: anschauen, was man nicht sehen mag.
An der Schwelle
Die Verlockung ist real: Zurückweichen ist vertraut, auch wenn es längst nicht mehr passt. Der nächste Schritt ist ungewiss. Also lieber erstmal stehenbleiben.
Doch je länger man wartet, desto unüberwindlicher erscheint die Schwelle – obwohl sie dieselbe geblieben ist.
Die Dinge lassen, wie sie sind, fühlt sich sicher an. Ist es das auch?
Was will ich? Was will ich wirklich? Was liegt mir am Herzen?
Die Frage klingt einfach – die Antwort darauf ist es mitnichten. Aber wenn man an der Frage dranbleibt, sie immer und immer wieder stellt, und die Antwort reifen lässt, wird sie sich zeigen.
Dann beginnt die Hemmschwelle zu sinken. Nicht weil die Angst verschwunden, sondern weil etwas anderes stärker geworden ist.
Wenn die Seele bereit ist, sind es die Dinge auch.
– Überliefert
Wie klingt dein Leben?
Der menschliche Körper ist Resonanzkörper – er gibt als orchestrierten Klang wider, was sich in unserem Leben abspielt.
Viele Menschen sprechen ihrem Körper eine überwiegend funktionale Rolle zu. Er soll funktionieren, nicht schmerzen. Was er zu sagen hat, bleibt oft ungehört.
Dabei sind Fühlen, Denken und körperliches Empfinden drei verschiedene Kanäle, Brückenwärter zwischen Innen- und Außenwelt. Sie sprechen nur unterschiedliche Sprachen.
Die Körpersprache hat keine Vokabeln, sondern Empfindungen und Symptome. Der Verstand arbeitet linear und logisch. Die Gefühle gleichen einem unaufhörlichen Tanz – wie flirrende Luft im Gegenlicht der Sonne.
Erst im konstruktiven Miteinander dieser drei Ebenen können wir Zusammenhänge erkennen und unser vielschichtiges Innenleben besser verstehen.
Der Felt Sense, jene Wahrnehmung, die Körperempfindungen und Gefühle miteinander verschmilzt, ist dabei ein innerer Kompass. Er pirscht sich an intuitives Wissen heran, ohne es zu erzwingen. Er vermittelt die subjektive Empfindung von Stimmigkeit oder Unstimmigkeit, bevor der Verstand eine Erklärung findet.
Wir bräuchten nur die unterschiedlichen Sprachstile dieser drei Ebenen anerkennen, statt zu erwarten, dass sie sich in unserer Muttersprache zu Wort melden.
Wie die polynesischen Seefahrer
Ängste sind klug – sie erinnern uns an Möglichkeiten negativer Art und halten uns an, wachsam zu bleiben.
Die polynesischen Seefahrer kannten keine Karten. Keine GPS-Koordinaten, keine gesicherten Routen. Sie navigierten nach Sternen, Strömungen, dem Verhalten der Wellen und dem Ziel, das sie im Sinn hatten.
Das Ziel war nicht dazu da, erreicht zu werden. Es war dazu da, in Bewegung zu kommen.
Das ist ein Bild, das trägt – besonders in Zeiten der Unsicherheit. Ängste dürfen bleiben. Ambivalenzen auch. Sie machen uns nicht schwach, sie machen uns flexibel. Wachsam. Lebendig.
Was hilft, ist eine innere Steuerungsposition zu finden, einen Ort in sich, von dem aus man beobachten, handeln und in Beziehung treten kann, wenn man möchte. Einen Ort, an dem negative Eindrücke nicht verschwinden, aber auch nicht überwältigen.
Von dort aus lässt sich fragen: Was will ich? Wohin will ich kommen? Welche Stärken trage ich in mir?
Es gibt keine falschen Schritte. Nur den nächsten.
Des Nachbarn Hammer
Behalten Sie Ihren Hammer.
– Paul Watzlawick
aus: Anleitung zum Unglücklichsein
Ein Mann will einen Hammer ausleihen. Was in seinem Kopf passiert, bis er beim Nachbarn klingelt, hat mit dem Hammer längst nichts mehr zu tun.
Das ist kein Einzelfall. Das ist der Normalzustand.
In jedem Menschen laufen permanent Gedankenmuster ab – innere Bilder, Dialoge, Deutungen. Sie rauschen im Hintergrund wie ein schlecht eingestelltes Radio. Kaum wahrgenommen, selten überprüft. Und doch bestimmen sie, was wir von der Welt halten - und was wir ihr entgegenbringen.
Was uns durch die Außenwelt widerfährt, ist meist keine neue Erfahrung. Es sind Variationen alter Muster, die uns im Außen spiegeln, was sich in unserem Inneren abspielt.
Bewusstheit zu entwickeln bedeutet nicht, diese Muster zu bekämpfen. Sondern sie zu bemerken – mit einer Haltung des Beobachtens, ohne sofort zu urteilen oder zu reagieren.
Dann bleibt der Hammer ein Hammer.
Der Zipfel, den du packen kannst
Schmerz ist der große Lehrer der Menschen. Unter seinem Hauch entfalten sich die Seelen.
– Marie von Ebner-Eschenbach
Manchmal haben wir schon viel versucht, das Leben in neue Bahnen zu lenken – und trotzdem bleibt alles beim Alten.
Das ist kein Versagen. Es ist ein Hinweis.
Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, wir sehen sie, wie wir sind. Durch Filter aus Erfahrungen, Überzeugungen, eingeschliffenen Mustern. Was wir für Realität halten, ist oft eine Variation der Vergangenheit. Und solange diese Muster unbewusst bleiben, wiederholen sich die Ergebnisse.
Krankheit, Konflikte, das dumpfe Gefühl, dass etwas nicht stimmt – das sind keine Zufälle. Es sind Einladungen. Das Leben zeigt uns, wo wir noch nicht hingeschaut haben.
„So kann es nicht weitergehen!" Genau das ist der Zipfel, den du packen kannst. Wer ihn festhält, wird gezogen. Aus alten Mustern heraus. In Neuland hinein.
Das Herz weiß oft, wohin es will.
Der Kopf braucht manchmal etwas länger.
Hass ist die Liebe, an der man gescheitert ist.
– Søren Kierkegaard
Schleusen der Liebe
Die „innere Heimat" ist das Fundament, auf dem sich Halt, Sicherheit und Lebendigkeit entfalten können.
Wenn wir als Kinder nicht die liebevolle Aufmerksamkeit erfahren haben, die wir brauchten, suchen wir als Erwachsene noch lange danach – meist in unseren Partnern. Je verzweifelter die Suche, desto mehr verlieren wir uns selbst darin.
Dabei tragen wir den Schlüssel in uns selbst.
Liebe ist nicht außerhalb von uns. Wir sind Liebe. Jeder Mensch ist eine Herberge der Liebe. Nur weil wir sie in uns bergen, kann sie zu anderen fließen. Wir geben und empfangen Liebe nicht, wir öffnen oder schließen die Schleusen für ihren Fluss.
Wie kommt es zu dazu? Es hängt mit Gewohnheit zusammen. Lieben lernen wir in vollkommener Abhängigkeit zu Bezugspersonen. Fließt dort wenig Liebe, setzt sich diese Grunddynamik im Erwachsenenalter fort – nicht weil keine Liebe da wäre, sondern weil man nicht weiß, wie sich die Schleusen öffnen lassen.
Vielleicht trägt irgendwann der Überdruss an Enttäuschungen dazu bei, dass das Suchen im Außen eingestellt wird. Das könnte sich als Chance entpuppen:
Ich beginne mich mir selbst zuzuwenden – voller Wärme, spüre mein Herz, höre tröstliche Worte, lass mich fallen, bin getragen … Liebe fließt in mir.
In dieser Umkehr der Blickrichtung liegt der Schlüssel. Man kann nichts nachholen und doch gibt es einen neuen Weg. Mit der Zeit wächst, was man echten Selbstwert nennt: in sich selbst verwurzelt sein und den eigenen Wert innen spüren.
Den inneren Kompass für Entscheidungen nutzen
Das emotionale Erfahrungsgedächtnis dient als Kompass – unser Verstand braucht emotionale Erfahrungen, um abwägen und entscheiden zu können.
Ein flaues Gefühl im Bauch. Druck auf der Brust. Oder: Wohlige Wärme. Ein inneres Juchhuh, wenn etwas stimmig ist.
Der Körper bewertet Situationen blitzschnell, oft bevor der Verstand überhaupt angefangen hat nachzudenken. Dieses emotionale Erfahrungsgedächtnis ist kein Hindernis für gute Entscheidungen. Es ist ihre Grundlage.
Verstand und Intuition sind kein Gegensatz. Der Verstand analysiert, die Intuition fasst zusammen, was sich der Analyse entzieht. Erst in ihrer Verbindung entsteht Entscheidungsqualität, die trägt.
Ein einfacher Dreischritt:
⬦ konzentriert nachdenken
⬦ dann loslassen und schlafen
⬦ dann intuitiv entscheiden
Das Unbewusste arbeitet ohnehin weiter.
Man muss ihm nur Raum lassen.
Wenn wir uns selbst lieben
Jemand der sich selbst liebt, bleibt gerne bei sich.
Er flüchtet nicht vor sich und gerade das befähigt ihn, auch beim Du zu verweilen.
Wer nicht bei sich zuhause ist, kann auch beim anderen keine Heimat finden.
– Aristoteles (zugeschrieben)
Wenn wir uns selbst lieben, leben wir nicht auf Kosten anderer. Wir brauchen andere nicht, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Wir nähren sie selbst. Wir befreien dadurch nicht nur uns selbst, sondern auch unser Gegenüber. Wenn sich Abhängigkeiten lösen, werden andere Menschen nicht überflüssig. Im Gegenteil – wir schaffen die Grundlage für wahrhaftige Begegnung.
Sinn und Sinne
Es sind unsere Sinnesorgane, die dem Bewusstsein vermitteln, was wirklich ist – nicht unsere Denkgebäude. Je mehr wir unserer sinnlichen Wahrnehmung vertrauen und aus ihr stimmige Schlüsse ziehen, desto größer ist der Gewinn: Orientierung, Sicherheit, Selbstvertrauen, Klarheit.
Ohne die Anbindung an unsere Sinne laufen wir Gefahr, uns zu verlieren: in Erwartungen, die andere an uns herantragen; in Zeitdruck, den wir uns fraglos überstülpen lassen; in Verpflichtungen, die uns auszehren. Im Hamsterrad bloßen Funktionierens kann der Sinn des eigenen Lebens abhandenkommen.
Nutzen wir hingegen unsere Sinne, um Günstiges von Ungünstigem zu unterscheiden und entsprechend zu handeln, entsteht Sinn und mit ihm ein Gefühl von Stimmigkeit und innerer Ausrichtung.
Sinn (emp-)finden
Je zutreffender man seine eigene Tiefe zu deuten vermag, desto transparenter wird das eigene Leben für einen selbst.
– Ken Wilber
Der Mensch braucht das Gefühl, in einen sinnvollen Zusammenhang eingebettet zu sein. So kann er Geborgenheit empfinden. Geborgenheit im Sinne eines wertvollen Daseins und im Zusammensein mit anderen. Geht dieses Gefühl verloren, entsteht eine existenzielle Leere, die an Seele und Körper zehrt. Sinn entsteht dort, wo wir wertschätzende Beziehungen pflegen: zu uns selbst, zu anderen Menschen und zur Welt.
Gedanken zur Paarbeziehung
Wahrscheinlich darf man ganz allgemein sagen, dass sich in der Geschichte des menschlichen Denkens oft die fruchtbarsten Entwicklungen dort ergaben, wo zwei verschiedene Arten des Denkens sich getroffen haben – Wenn sie sich nur wirklich treffen ...
– Werner Heisenberg
Heisenbergs Beobachtung beschreibt ein universelles Prinzip, das in Paarbeziehungen eine besondere Tiefe gewinnt: Wir denken nicht nur anders als unser Partner, wir fühlen, empfinden und nehmen die Welt auf je eigene Weise wahr.
Der „Bogenstrich, der wie aus zwei Saiten eine Stimme zieht“ (Rilke) versinnbildlicht jene Momente großer Harmonie. Doch wie sich in uns selbst harmonische und disharmonische Stimmungen abwechseln, ist auch der Gleichklang zweier Menschen immer von vorübergehender Dauer. Wie gut. Erst durch die Reibung des Dissonanten lässt sich das Schmelzende des Konsonanten wirklich erleben.
Sich für die Verschiedenheit zu öffnen, den anderen in seiner subjektiven Wahrheit zu sehen, zu hören und anzunehmen – das gehört zu den Grundpfeilern einer tragfähigen Partnerschaft. Es ist nicht leicht. Subtil versucht mal der eine, mal der andere, dies und das ein wenig zu beeinflussen – und das Feilschen beginnt.
Sind die Unterschiede zu groß, wird fruchtbare Wechselwirkung schwierig; ist man sich allzu ähnlich, bleibt das Miteinander flach. Erstirbt das offene, ehrliche Zwiegespräch, bekommen die Äste dieser Beziehung nicht mehr den nötigen Saft für neue Triebe.
Wie alles, was man erhalten möchte, erfordert auch eine Paarbeziehung kontinuierliche Pflege. Einander immer wieder offen, aufrichtig und mit echtem Interesse zu begegnen – das ist eine Herausforderung. Und zugleich die Einladung zu einem tiefen, erfüllenden Miteinander.
Wachsende Achtsamkeit – ein Weg
Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig …
– Portia Nelson
Der folgende Text beschreibt poetisch, wie tief verwurzelte Muster uns prägen – und wie Achtsamkeit Schritt für Schritt neue Wege eröffnet. Veränderung beginnt nicht im Perfekt-sein, sondern im bewussten Wiedererkennen alter Gewohnheiten und der Bereitschaft, einen anderen Weg zu wählen.
1
Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren … Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.
2
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange herauszukommen.
3
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein – aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Ich habe es selbst zu verantworten.
Ich komme sofort heraus.
4
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe drum herum.
5
Ich gehe eine andere Straße.
Autobiography in Five Short Chapters, aus: There‘s a Hole in My Sidewalk, Portia Nelson
Diese Sammlung wächst weiter. Vielleicht trägt der eine oder andere Gedanke dich ein Stück.