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Zwei Kinder hüpfen ausgelassen ins seichte Wasser am Strand.

Freude -

Des Menschen Lebenselixier

Leiden ist Teil des Lebens. Freude sein natürlicher Zustand.

Die Sonne im Herzen

Wenn ich an Freude denke, kommen mir Sonnenstrahlen in den Sinn. Sie zaubern ein Lächeln auf mein Gesicht — besonders nach mehreren Tagen, an denen sie die Wolkendecke nicht durchdringen konnten. Sonnenstrahlen hüllen die Welt in helles Licht und lassen die Farben schillern. Sie wecken Sehnsüchte nach Urlaub und Freiheit. Locken nach draußen, um den Körper zu wärmen.

Im Winter recken wir ihr genüsslich das Gesicht entgegen. Im Sommer geben wir uns ihr ganz hin. Durch den Tag-und-Nacht-Rhythmus gibt sie uns auf natürliche Weise Zeit und Struktur.

Sonnengereift nennen wir Früchte, die sich bis zur vollen Reife entfalten. Dinge ohne Zweifel sind sonnenklar. Und über besonders begünstigte Menschen sagen wir, sie stünden auf der Sonnenseite des Lebens. Ein sonniges Gemüt beschreibt jemanden, der häufig lächelt, herzlich lacht — und wenn solche Menschen einen Raum betreten, scheint die Sonne aufzugehen.

Ohne Sonne geht gar nichts. So viel steht fest.

Freudig. Froh. Frohgemut.

So notwendig die Sonne für den Körper ist, so unverzichtbar ist sie für die Seele. Wenn die Sonne lacht, hüpft das Herz.

Freude wird im Wörterbuch der deutschen Sprache mit innerer Heiterkeit und dem Gefühl der Hochstimmung umschrieben. Die vielen Eigenschaftswörter spiegeln wider, wie verschieden sie sich zeigen kann: unbändig oder still, ehrlich und innig, unverhohlen oder heimlich. Freude ist gar nicht immer so sprühend, wie man meinen könnte. Doch in welcher Spielart sie sich auch zeigt — ihre Wortherkunft aus dem Adjektiv froh bringt ihr innerstes Wesen zum Ausdruck: frisch, lebhaft, schwebend, springend, hüpfend.

Wir alle kennen diese Empfindungen, wenn wir froh sind.

Verdunkelung

Wenn Lebendigkeit und Frische zu selten an unsere Tür klopfen, fühlen wir uns zunehmend niedergeschlagen. Mir ist ganz schwer ums Herz, sagt der Volksmund — wenn man sich müde, kraftlos und schwer fühlt. Da kann die Sonne scheinen wie sie will, es dringt nichts davon nach innen durch.

Manchmal ist die Ursache greifbar: der Verlust eines Menschen, eine belastende Krankheit. Manchmal aber will einem nicht in den Sinn kommen, wo die Verdunkelung herrührt. Und gerade dann, wenn es keine offensichtlich triftigen Gründe für den Trübsinn gibt, ist es umso wichtiger, versteckte Ursachen ausfindig zu machen.

Menschen, die mich aufsuchen, sagen manchmal: „Ich kann mir nicht erklären, was los ist mit mir — eigentlich ist alles in Ordnung." Die Kinder wohlgeraten, die Enkel gesund, das Einkommen gesichert. Und dann: „Ich fühle mich so leer. Ich verstehe mich selbst nicht."

 

Um Zufriedenheit empfinden zu können, braucht es mehr als gesellschaftliches Saturiert-Sein. Es ist, als baute man ein Haus — und die Einrichtung spielte keine Rolle. Oder als äße man täglich Kartoffeln, weil sie sättigen, aber Abwechslung sei zu viel verlangt.

Das beredte Herz

Wenn man sich durch die äußeren Schichten des vielen Aber-Aber durchgearbeitet hat, kommt man früher oder später zu der Schicht, die das Herz verschließt. Die Tür ist zu. Zwischen der Person und ihrem Herzen gibt es keinen Kontakt — momentan jedenfalls nicht. Und wenn der Zugang zum Herzen fehlt, haben auch alle Sinneswahrnehmungen keine Möglichkeit zur Weiterleitung. Das Tor zur Welt ist vielleicht einen Spalt breit offen. Gerade so viel, um nicht bei lebendigem Leib tot zu sein.

Taube Sinne

Oft frage ich mich, warum Menschen ihr Leid so lange ertragen. Eine Erklärung, die in Psychologenkreisen kursiert, lautet, manche Menschen könnten aus dem Leid mehr gewinnen als aus der Freude. Diese Ansicht halte ich für abwegig und zynisch. Wahrscheinlicher ist die schlichte Ratlosigkeit: Wie soll man der Taubheit zu Leibe rücken?

Ein Quäntchen Neugier wäre hilfreich — doch da beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn Neugier beinhaltet Ausschau halten, Fragen stellen, wissen wollen. Diese Haltung wird von Lebensenergie angetrieben — die aber kaum mehr gespürt wird, wenn das Leben freudlos geworden ist.

Am oder überm Tellerrand?

Solange die innere Bilanz nicht allzu weit ins Minus gerät, lässt man die Dinge beim Alten. Erst wenn das Ungleichgewicht den Kipppunkt erreicht, entsteht die Bereitschaft, in sich selbst zu investieren — in Zeit, in schmerzliche Gefühle, in innere und äußere Konflikte. Und meist braucht es jemanden, der diesen Prozess des Erforschens und Verarbeitens begleitet.

Ein Hinweis aus der Sprache

Zur Herkunft des Wortes Leid findet sich im Wörterbuch der deutschen Sprache: Unrecht, Schädigung, Kränkung, Beleidigung, das angetane Böse, durch Schädigung hervorgerufener Kummer, Schmerz, Sorge.

Meist ist es ein Bündel solcher Erfahrungen, das dazu führt, dass sich die Tür zum Herzen schließt — wenn das Maß des Erträglichen voll ist. Das ist weise. Doch Zeiten ändern sich. Und eine verschlossene Tür schützt leider nicht nur vor weiterem Übel, sondern auch vor der Lebendigkeit und Schönheit des Lebens.

Lichtblick

Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eintritt.

— Rumi

Es gibt immer Hoffnung, selbst in den dunkelsten Momenten. Freude ist kein fernes Ziel, sondern ein fließender Strom in uns — den wir wiederfinden können.

Indem wir bewusst nach den kleinen Freuden im Alltag Ausschau halten, beginnen wir uns wieder zu öffnen: ein Spaziergang in der Natur, das Lächeln eines geliebten Menschen, ein gutes Buch. Mit der Entscheidung, wahrzunehmen was gut ist — und nicht ausschließlich auf das zu schauen, was fehlt — stoßen wir die Tür zum Herzen wieder auf.

Leid in Freude zu verwandeln, ist — ohne Zweifel — eine Herausforderung. Indem wir unsere Sinne nutzen, beschreiten wir den Königsweg zu dieser Wandlung.

Freude ist unser natürlicher Zustand.

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