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Rötliche Gräser im Gegenlicht, dahinter ein einzelner Berg.

Bewusstheit entwickeln:   Wozu eigentlich?

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel:

 

„Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich."

Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor der „Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer."

— Paul Watzlawick

    aus: Anleitung zum Unglücklichsein

Was hier so treffend komisch ist, begegnet uns täglich — in uns selbst.

Das ist der Ausgangspunkt unserer Frage: Bewusstheit entwickeln — aber wozu eigentlich?

Wie Muster unser Erleben einengen

Eine Person und ihre psychische Struktur entwickeln sich über Beziehungserfahrungen, soziales Erleben und die Umwelt, in der sie aufwächst. Diese Erfahrungen werden als Konzepte, Rollen, Gefühlswelten und Körperempfindungen verinnerlicht und neurologisch verschaltet — nicht selbstgesteuert, sondern als Reaktion auf das, was uns widerfährt. Daraus entsteht ein ganz individuelles Weltbild, das sich im Alltag vor allem mental und sprachlich zeigt.

In jedem Menschen laufen permanent Gedankenmuster ab — innere Bilder, Dialoge, Deutungen. Sie rauschen im Hintergrund wie ein schlecht eingestelltes Radio: kaum wahrgenommen, selten überprüft. Erst im Kontakt mit der Außenwelt leben diese Muster erneut auf. Was uns dabei widerfährt, ist meist nichts wirklich Neues — sondern Variationen konditionierter Muster, die uns im Außen spiegeln, was sich in unserem Inneren abspielt.

 

So entsteht eine Sphäre von Virtualität: Eine konditionierte, vergangene innere Welt wird der eigentlichen Gegenwart entgegengestellt. Wir tauchen unbewusst in einen Strom von Fantasien und Deutungen ein, die selten überprüft werden — und interpretieren äußere Begebenheiten unangemessen oder verzerrt, wie im Anfangszitat so anschaulich zu lesen war.

Eine Durchgangsphase

Mit etwa dreißig Jahren scheint eine gefestigte Persönlichkeit erreicht. Man wendet sich überwiegend dem äußeren Leben zu: Beruf, Partnerschaft, Familie, Hobbies. Die Innenseite tritt in den Hintergrund.

Aus der Perspektive menschlicher Entwicklung ist dieses Stadium jedoch nur eine Durchgangsphase. Die Innenseite des Bewusstseins will ebenfalls entwickelt werden. Bleibt diese Entwicklung unbeachtet, meldet sie sich mit Signalen: zwischenmenschliche Konflikte, körperliche Beschwerden, Gefühle der Sinnlosigkeit — Wachmacher, die auf etwas hinweisen, das noch nicht ins Bewusstsein getreten ist.

Was innere Entwicklung bedeutet

Bewusstheit zu entwickeln bedeutet, sich der hemmenden Aspekte der eigenen Lebensmuster bewusst zu werden — um den Weg für mehr Entfaltung freizumachen. Das erfordert zweierlei: sich Erfahrungen von Mangel einzugestehen, um wichtige Bedürfnisse und Sehnsüchte befriedigen zu können — und die Aufmerksamkeit für den kontinuierlichen Fluss der eigenen Wahrnehmung zu schulen, damit konditionierte Muster sich transformieren können.

Wenn einengende Verhaltensmuster wahrgenommen werden, können sie überwunden werden. Eine verdichtete Ich-Struktur kann mit zunehmender Bewusstheit durchlässiger werden. Grundlegende Erfahrungen wie Getragensein, Leichtigkeit und Geborgenheit tauchen dann ganz natürlich auf.

Die Rolle der Achtsamkeit

Achtsamkeit ist dabei kein Denkprozess, sondern eine Haltung: den Fluss innerer Vorgänge wahrnehmen, ohne sofort darauf zu reagieren. Im Zustand der Achtsamkeit ist man nicht in Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen versunken — sondern beobachtet sie, ohne zu urteilen.

Dieses Benennen und Nichtreagieren entkoppelt allmählich konditionierte Erfahrungsmuster. Sie verlieren ihre Bindungsenergie — und damit ihre Macht. Statt sich an negative Muster festgeklebt zu fühlen, entsteht geistige Flexibilität und Spielraum. Schwierige Situationen können mit neuen Augen gesehen und intelligenter bewältigt werden.

In der körperpsychotherapeutischen Begleitung findet dieser Prozess in einer Atmosphäre konzentrierter Aufmerksamkeit statt. Man tastet sich an die Brennpunkte heran — jene Themen, die wehtun, die im Nebel liegen oder wie ungreifbar erscheinen. Körpersignale werden einbezogen, um die Erfahrung zu vertiefen. Wechselwirkungen und ursächliche Zusammenhänge werden erkennbar.

Das Ziel

Ziel von Bewusstseinsentwicklung ist nicht die Leugnung früherer Werte, sondern die Auflösung einer verkrampften Einseitigkeit. Bisherige Werte werden anerkannt — doch kein beharrendes Festhalten ist mehr nötig. Die Fähigkeit wächst, mehrere unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und ihre Gegensätzlichkeit anzuerkennen.

Während das verdichtete Ich sich der Außenwelt gegenüber unablässig definiert, schützt und abgrenzt, öffnen wir uns mehr für die Welt, wenn sich die Grenzen konditionierter Anteile ausdehnen. Je mehr wir in der Lage sind, in der Gegenwart zu leben, umso ganzheitlicher leben wir unser Leben.

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