Claudia Hotzy
KÖRPERPSYCHOTHERAPEUTIN

Den Kampf aufgeben –
und gewinnen
Kampf verschleiert, was gesehen werden muss
Wir kämpfen gegen Kopfschmerzen. Gegen schlechte Laune. Gegen den Kollegen, der uns nervt. Gegen das eigene Zögern. Gegen das Wetter, den Stau, unseren Körper. Der Kampf ist so selbstverständlich geworden, dass wir ihn gar nicht mehr bemerken — er läuft einfach mit.
Was wäre, wenn genau das das Problem ist?
Es geht nicht um ein resigniertes Aufgeben, sondern um die bewusste Entscheidung, ein anderes Vorgehen auszuprobieren — anstatt sich immer wieder vom Muster des Widerstandes mitreißen zu lassen. Stattdessen geben wir der Schwierigkeit so viel Raum, dass sie sich vollständig ausbreiten kann. Sinnvolles Handeln kann erst aus der vollen Kenntnis einer Situation erwachsen.
Durch Achtsamkeit Weite schaffen
Achtsamkeit schult uns darin, innere Weite zu schaffen: Beobachten, was innerlich auftaucht — ohne einzugreifen, ohne vorschnell zu agieren. Sich hineinentspannen in jedes Geschehen. Sobald wir Abwehr und Verkrampfung wahrnehmen, lassen wir davon ab. Wir öffnen die Haustür weit und bitten den „unwillkommenen Gast" herein — nehmen die Schwierigkeit so umfassend wie möglich wahr und gleiten in sie hinein.
Lösungen entstehen nicht durch Kampf, denn der ist immer mit enormer Anspannung verbunden. Lösungen tauchen auf, wenn wir gelassen sind — kein Zufall, dass lösen im Ursprung losmachen und loslassen bedeutet.
Einfach dasitzen und betrachten, was im Bewusstsein auftaucht. Weder mit Steinen werfen noch beschämt wegsehen. Kein Schulterklopfen und keine Selbstbezichtigung. Zur Kenntnis nehmen, ohne daraus eine Geschichte zu machen. Ein Leben lang erscheinen zahllose Dinge — und lösen sich wieder auf, wenn wir mit unserem Denken nicht daran festhalten.
Wandlung
Wenn man ein Problem nicht mehr unbedingt loswerden will — was ohnehin nicht möglich ist —, geschieht Wandlung. Erst wenn man aufhört zu kämpfen, ist man in der Lage, eine Beziehung zu einem Problem herzustellen.
Aggression, Scham, Gereiztheit, Einsamkeit, Angst, Enge — jeden dieser bedrohlichen Zustände muss man erst einmal „einatmen", also zulassen. Es ist wichtig, das Drohende daran vollständig zu fühlen. Schon durch diesen ersten Schritt findet eine Entkrampfung statt.
Dann kann man erforschen, was daran so inakzeptabel ist. Durch dieses Enttarnen wird klar, wogegen wir uns auflehnen — und weshalb.
Schließlich fragt man: Was kann ich durch die Auseinandersetzung mit diesem Problem in mir entwickeln? Welchen Wert hat diese Begegnung für mein Leben?
Zu den Ursachen schwieriger Situationen gehören immer Unbewusstheit und menschliche Begrenzung. Damit haben wir ein Leben lang zu tun — und jedes Mal bekommen wir die Gelegenheit, stimmige Schlüsse daraus zu ziehen und konsequent danach zu handeln.
Wahlfreiheit
Wenn man sich vergegenwärtigt, dass alles im Leben seinen Ursprung im Bewusstsein hat, beruhigt sich der innere Kampf, sich auf die eine oder andere Seite schlagen zu müssen. Das Leben ist nicht nur stilvoll und schön — es ist auch blutig und grausam. Beides gehört dazu.
Wir können aufhören zu glätten und zu schönen, zu vermeiden oder zu beweisen. Stattdessen können wir uns all der Erwartungen, Befürchtungen und Ideen bewusstwerden, die uns in eine Kampfstimmung versetzen — dem Leben oder bestimmten Menschen gegenüber.
Trotz allem, was uns prägt, haben wir stets eine Wahlmöglichkeit. Jedes Mal, wenn wir vor einer Entscheidung stehen, liegt beides offen: das alte vertraute Muster und etwas Neues, das Aufmerksamkeit braucht. Bequem ist das Alte. Lebendig das andere.
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