
Unsichtbarer Winter
RESONANZRAUM 1 - ZWISCHEN SICHERHEIT UND LEBENDIGKEIT
Ich stehe am Fenster und beobachte die Welt da draußen.
Alles bewegt sich, alles scheint in einem ständigen Austausch zu stehen.
In mir drin ist es nicht dunkel, nicht stürmisch. Es ist einfach nur - still. Eine sehr ordentliche, sehr funktionale Stille.
Atemgrenze
Wenn ich in mich hineinspüre, merke ich, dass mein Atem eine Grenze hat. Er fließt bis zu einem gewissen Punkt und dann stößt er auf -
... ja, was ist das? Es fühlt sich an wie eine Wand, nicht hart wie Stein - Farbe? Vielleicht grau, oder mehr wie ein Nebel. Eine Nebelwand? Eher unsichtbar, weich und doch unnachgiebig, einengend, starr. Ja genau: ich atme gegen eine unsichtbare Wand in meinem Brustkorb, es geht nicht weiter, wird erstickt.
Kein stechender Schmerz - hart, ein unnachgiebiges Zusammenziehen. Als würde mein Körper die Luft anhalten müssen, um nicht zu viel aufzuwirbeln.
Ich bin bereit, loszugehen, meine Muskeln sind gespannt – aber meine Füße bewegen sich nicht.
Ich bleibe im Türrahmen stehen. Seit Jahren.
Glatter Frost
„Echte Begegnung ist möglich“, denke ich oft, während ich Menschen beobachte, „aber eben nicht für mich.“ Das ist keine bittere Klage, es ist wie ein physikalisches Gesetz. Seelische Schwerkraft. Fakt. Ich habe gelernt, dass Hoffnung eine Währung ist, die ich mir nicht mehr leisten will. Zu oft habe ich investiert und bin mit leereren Händen zurückgekommen als zuvor. Mein System hat daraus eine Konsequenz gezogen -
... hm, schwer zu greifen. Da ist dieser Druck, wie eingeschnürt - Enge? Nein, das ist zu aktiv. Korsett? Rüstung? Die Energie ist unbeteiligt. Kühl. Kalt. Frostig. Ja, wie Frost. Aber nicht wie diese schönen Eiskristalle, glitzernd, rieselnd, sanft schmelzend in der Hand. Mehr ein glatter, ja ein glatter, ein, vernünftiger Frost.
Das beschreibt mein Empfinden ziemlich gut: Mein Innenleben ist gefroren. Nicht zu bösartigem, scharfkantigem Eis. Es ist glatter, vernünftiger Frost, der dafür sorgt, dass ich meinen Alltag bewältige. Funktioniere. Freundlich bin. Klar im Kopf. Aufgaben erledige.
Man sieht mir den Winter nicht an.
Sicherheit der Kälte
Manchmal erschrecke ich vor der Stabilität dieses Zustands. Mein Leben ist geordnet. Es gibt keine großen Dramen, keine schlaflosen Nächte voller Tränen. Es ist ein Frieden ohne Resonanz. Ein Gleichgewicht, in dem die Wärme fehlt.
Es ist sicher hier, in meinem inneren Winter. Hier kann mir niemand wehtun. Aber: In gefrorener Erde kann nichts wachsen. Ich bin geschützt, aber meien Seele hungert. Ich lebe in einem Raum, in dem die Luft nie ausgeht – aber sie ist auch niemals frisch.
Warten auf das Ungeplante
Ich weiß jetzt, dass ich diesen Frost nicht mit dem Kopf wegschmelzen kann. Ich kann nicht beschließen, jetzt lebendig zu sein. Ich kann keine Übung machen, die das Eis bricht – denn mein Wille selbst ist Teil der Kälte. Eine leise, fast vergessene Sehnsucht steigt in mir auf -
... wonach genau sehne ich mich? Der Frost soll auftauen, aber wie soll ich das anstellen? Wenn ich es wüsste, hätte ich es längst getan Etwas muss geschehen, etwas, das ich nicht kontrollieren kann. Vielleicht ein Blick, der mich erreicht. Ein Zufall, der meine Logik aushebelt.
Es ist das Paradoxon meines Lebens: Ich halte die Tür mit aller Kraft zu, um sicher zu sein. Gleichzeitig hoffe ich inständig, dass das Leben da draußen mit seiner ganzen Wildheit einfach eintritt, ungefragt und dreist, einfach hereinplatzt. Dass etwas passiert, das ich nicht geplant habe.
Ich warte auf das Tauwetter, das nicht aus mir kommt, sondern von der Sonne, die einfach scheint – ob ich bereit bin oder nicht.
Wenn das Eis zu atmen beginnt
Es ist seltsam: Ich nehme diesen Frost nur wahr. Ich tu ja nichts weiter. Geht ja nicht. Und doch ist etwas anders. Der Kampf gegen die Kälte kostet mehr Kraft als die Kälte selbst. Wenn ich aufhöre, den Frühling erzwingen zu wollen -
... da ist ein winziger Spalt. Ich kann ihn sehen. Es ist, als würde ich einen Schritt zurücktreten, mich selbst beobachten - kein Urteilen, nur sehen, die Wahrheit sehen. Den Winter in mir und mich im Winter sehen.
Könnte etwas heilen, wenn ich Ja zum Winter sage? Wenn ich zustimme, dass er existiert und meine Seele in Eis gepackt hat?
Eine andere Stille - wärmer.