
Entseelt
RESONANZRAUM 3 - IM FUNKTIONIERMODUS
An manchen Tagen fühlt sich schon das Aufwachen wie eine Niederlage an. Der Wecker - schriller Startschuss für einen Marathon. Die bleiernen Gewichte an meinen Füßen machen das Aufstehen zur Mühsal. Selbst am Denken haftet Schwerkraft: „Wie soll ich das bloß alles schaffen?“
Tyrannei der tausend Dinge
Es ist nicht das eine große Unglück. Es ist die schiere Masse des Alltäglichen. Job, E-Mails, Termine, Entscheidungen, Missverständnisse, Haushalt, Kinder, Streit. Erwartungen über Erwartungen. Mücken, die zu Elefanten auswachsen. Tausend Dinge am Tag. Kipppunkt: eine kaputte Glühbirne -
... ich bin eine Liste, eine wandelnde Liste. Kein Ende in Sicht. Sie wächst und wächst und wächst. Was ich durchstreiche, wird von drei neuen Aufgaben ersetzt. Eine Hydra - mir wird ganz heiß, der Kopf brennt, Rücken und Hände feucht, Herzrasen - {Atem-Intervention} - es wird wieder leichter, das Brennen lässt nach, der Kopf kühlt ab.
Funktioniermodus
... Bilder meiner Mutter tauchen auf - die Fleißige. Von früh bis spät. Und auch am Abend keine Ruhe, sondern Flicken, Einwecken, Büro. Das Leben presst mich in eine enge Haut. Schirmt mich ab. Wie nach einem Hörsturz dringt die Kakophonie der Welt gedämpft in mich ein. Wattige Stimmen, wattiger Körper, wattige Gedankenfetzen.
Fragt jemand, "Wie geht's?", sage ich: „Viel zu tun, der ganz normale Wahnsinn“. Das sage ich immer. Immer dieser Satz: normal und Wahnsinn. Ist die Welt normal oder wahnsinnig? Bin ich normal, bin ich wahnsinnig? -
Ich trage eine Last und weiß nicht mehr, wie ich sie loswerde. Ein klebriger, unsichtbarer Film, der alles umhüllt: Denken, Fühlen, Sprechen, Handeln. Die enge, klebrige Haut, in die ich gepresst bin, ist mein Leben, mein Sein. Der Wunsch, mich zu häuten, treibt Angstschweiß auf meine Stirn. Mein Kopf fängt wieder zu brennen an - ich darf diese Haut nicht abstreifen, nicht stehenbleiben. Alles würde zusammenbrechen.
Einsam sein
Ich sehe, wie andere Menschen scheinbar mühelos ihre Hobbys pflegen, lachen und Pläne machen. Ich frage mich dann: „Habe ich die Gebrauchsanweisung fürs Leben verloren? Warum ist für mich das 'Normale' ein Wahnsinn?" Ich schäme mich. Bin kraftlos, müde. Strenge mich noch mehr an, um mein Versagen geheim zu halten. Ein verdammt einsamer Teufelskreis.
Einfach sein
Tief in mir ist ein stiller Ort. Es gibt ihn, denn ich war schon dort. Nein, mit Schlafen hat das nichts zu tun, da bin ich nicht bewusst und Schlaf hilft gegen diese Art der Erschöpfung schon lang nicht mehr, denn ich kann nicht schlafen. Ich denke an einen Zustand, bei dem alle Schwere abfällt. Die Zeit steht still. Gedanken sind fern und unbedeutend. Der innere Motor ist auf Standby. Ein Frieden, der sich vom Wahnsinn der Welt nicht behelligen lässt.