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Vor dem Hintergrund gewaltiger Wasserfälle balanciert eine Frau in rosafarbenem Kleid auf einem Hochseil
Resonanzraum 2 - Ver-rückt

Ver-rückt.

RESONANZRAUM 2 - TOXISCHE BEZIEHUNGEN

Ich gehe auf Zehenspitzen durch mein eigenes Leben.

Leise, vorsichtig, immer darauf bedacht, keinen Riss im Boden zu verursachen. Von außen betrachtet: eine Beziehung. Innerlich: eine Seiltänzerin ohne Netz. Muss auf den Wind achten, sonst stürze ich ab.

Wankende Wirklichkeit

Nicht der Streit ist das Anstrengendste. Es ist der Zweifel an mir selbst. Als würde sich der Boden unter meinen Füßen ständig leicht verschieben. Wenn ich versuche, einen Punkt zu klären, der mich verletzt hat, endet das Gespräch damit, dass ich mich entschuldige. Ich gehe mit einer berechtigten Frage in einen Raum und verlasse ihn mit dem Gefühl, dass irgendetwas Grundlegendes nicht mit meiner Wahrnehmung stimmt. „Sei nicht so empfindlich“, „Das hab ich so nie gesagt“, „Du steigerst dich da in etwas rein“ -

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... eine Walze rollt auf mich zu, eisern, riesig, das Bild eines Panzers taucht auf. Da ist gar kein Mensch - obwohl, auch ein Panzer kann nur von einem Menschen gesteuert werden. Aber der Mensch hat meterdicken Stahl um sich gebaut. Mein Gott, wo ist denn der Mensch? Kann ich den überhaupt erreichen? Hab ich denn eine Chance auf eine menschliche Regung, auf ein Gespräch zwischen zwei fühlenden Wesen? Auf so etwas wie Empathie? 

Wie  feiner, grauer Staub legen sich zahllose Worthülsen auf alles - Fühlen, Körper, Denken, Sprache - auf mein ganzes Sein.

In Alarmbereitschaft

Mein Körper ist ein Hochleistungssensor. Am Klang höre ich, wie die Haustür zufällt, welche Temperatur der Abend haben wird. Nuancen in der Stimme werden gescannt. Eisige Stille zwischen den Sätzen. Zuckungen in seinem Kiefer -

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... in mir herrscht konstant Hochspannung – ein Erschrecken, das nie ganz abfließt - halt! Nicht "nie". Mit mir allein ist es anders: da wird es weich in mir, fließend, wohlig. Ein tiefes, tiefes Durchatmen. Weitwerden. Unglaublich: ich fühle mich sicher. Wie verrückt! Stopp, nochmal stopp. das ist nicht ver-rückt, sondern genau genommen: zurechtgerückt. Es ist gut, wenn er nicht da ist.

 

Müsste es nicht eigentlich immer so sein, also ich meine, wenn man in einer Partnerschaft lebt? Aber tatsächlich ist mein Nervensystem im Dauer-Check: Ist es gerade sicher? Darf ich ich selbst sein? Sollte ich mich besser zurücknehmen, damit die Stimmung nicht kippt?

Hoffnungsschimmer

Das Grausame ist: es gibt diese Momente. Die Stunden, in denen alles hell ist. In denen ich mich gesehen, geliebt und unendlich wertvoll fühle. Sie sind wie das Atmen an der frischen Luft nach einem langen Tauchgang.

 

Diese Momente halten mich fest. Lassen mich vergessen, wie knapp der Sauerstoff davor und danach ist. Ich lebe für die Ausnahmen, nenne sie „die Wahrheit“, leugne das Leid der restlichen Zeit, tu sie ab als „schwierige Phase“.  Diese sogenannte Wahrheit schützt mein Bild von uns, schützt eine Möglichkeit vor der Gewalt meiner Erschöpfung.

Verlust des inneren Kompasses

Ganz ehrlich, ich weiß gar nichts mehr -

 

... dumpf, umnebelt bin ich. Bedürfnisse? Sie verstecken sich, mein Kopf sagt, es müsse sie geben, aber wie verschreckte Kinder haben sie sich verstreut und in Sicherheit gebracht. Ich bin Statistin in einem Film, in dem es nur eine Hauptrolle gibt. Die spiele nicht ich -

Ich bin ver-rückt. Und werde es immer mehr werden, wenn ich mich freiwillig, um eines täuschenden Friedens willen, weiterhin ver-rücke, verbiege, krümme und deformiere - ja ruiniere.

Was treibt mich dazu an, mich zur Expertin für das Innenleben eines anderen Menschen zu verdingen?

 

Ich kenne das. Aber ich bin schon lange nicht mehr das hilflose Kind in einer krank machenden Umgebung. Ich bin erwachsen. Habe eine Wahl. Kann handeln.

 

In einem kleinen Winkel meines Herzens spüre ich den Kompass. Er ist nicht verloren gegangen. Er war immer da. Hab ihn nur aus den Augen verloren.

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